'weid sama kuma'
Obwohl längst mit Legendenruf umkränzt, haben es Wolfgang V. Wizlsperger, Heinz D. Ditsch und Paul C. Skrepek nur bis zum Regionalkaisertum gebracht. In Bezug auf darstellerisches Talent und Interpretationskunst sind sie allerdings unschlagbare Weltmeister und das, obwohl oder gerade weil die kompositorischen Maschen oft kein kompliziertes Norwegermuster zeigen, sondern glatt-verkehrt gestrickt sind. Potenzial vergoldet mit Grandezza, könnte frau meinen. Vielleicht ist es mir wegen der mehrschichtigen und nuanciert dargebotenen Texte noch nie so aufgefallen, aber die nähe von Kollegium Kalksburg zum Volksmusik- und Wienerliedmuster ist größer als ich dachte – mit einer Titeletikette wie fiaka foan (11) hat das allerdings wenig zu tun. Mit steigender Trackzahl auf dieser CD wird aber ein immer anspruchsvolleres Zopfmuster eingeflochten, um beim fleischhokka (14) seine volle querulante Maschenbreite zu grunzen. Das CD-Entrée führt uns zunächst in jenes hölzern-unheimliche Dunkel, wie es hier blauboad (1) von Ernst Kölz baut. Aber dann taucht auch schon Kasperls Krokodil aus der Urania auf (wer mag, kann dahinter die Kollegium Kalksburg Silhouette erkennen). Es war und ist nicht artig, hat oft eins über die Rübe gezogen bekommen, gibt aber die Arschkarte unter kollektiver Mitleidsbekundung weiter. Es wälzt im Sülzchen der Selbstbejammerung und gefällt sich im eigenen Spiegelbild doch recht gut – mit Recht! Es planscht ja nicht im Nil, sondern in der Donau. Rührselig zwinkern uns die drei Scheinpensionisten zu, während sie im Kreis gehen, ihren sich selbst frotzelnden Abgesang anstimmen, die Blumen im Schnee vergraben, um sie dann doch wieder hervorzuholen und sie als sterbende CD in der Blumenvase auf dem Tisch drapieren. Wehleidig, empfindlich, fast weinerlich mutet das Krokodilkollegium in seiner Lebenszwischenabrechnung an. Eine ernste Sache, ganz im Gegensatz zum hoffnungsfrohen CD-Titel weid sama kuma. Aber nein, keine Sorge, der Schein trügt, es sind Krokodils-tränen. Die positive Kraft des Zweckpessimismus, ein ins Gegenteil kippendes Phlegma, lässt doch die Freude erst so richtig auferstehen! Die nahrhaften woidfiadla (7) geben Kraft und überholen mit südamerikanischen Heimatklängen Mimesis und Epigonentum. Was bei anderen auf zwei Gitarren aufgeteilt wird, zupft sich Skrepek allein, Wizlsperger vermag sich im Papageienkäfig sonor oder kräftig zu geben, während Ditsch unbeeindruckt vor sich hin melodiert, kreiert und ziert. Dialekt in Hochsprache übersetzt, fühlt sich ungefähr so an wie ein gegenderter Liedtext. In der reimschule rennweg (8) verbindet Kollegium Kalksburg in Simultanübersetzung beides und multipliziert damit das Potenzial des absurd Realen. Dass die Krokodile auch anders können, zeigt das poetische Nachtgewächs in seiner existenziellen Not (9) – hier klingt sogar der Bläser sehnsüchtig, die Herzen fliegen flach. Georg Danzers Zeitansager wirft aber das Handtuch (12) und sein nicht jugendfreier Freund voaschdodcasanova (13), der als fescher Gustl mit seiner immer harten 'Röhrn' durchs Leben spukt, begrüßt im Nachspann mit 'autumn leaves' die Pforten der Nacht. Im Dunkeln ist aber gut funkeln. Als vorletzte Nummer lässt Antonio Fians Musik-Dramolett zum 1. Mai den vom Rauchverbot geschwächten, auf drei Tapfere geschrumpften Arbeitermassenchor aufmarschieren und das allseits bekannte 'Völker, hört auf zu rauchen!' ansingen (17). Ohne Verdrossenheit und Schwarzblick geht’s bei Kollegium Kalksburg nicht, keine Chance auf ein Weiterkommen ohne diese Vorzüge. Vorwärts, liebe Kollegen! Und nehmt uns bitte unbedingt mit, denn zum Greisentum ist’s noch soooo weit ...
Ich kann dem werten Leser eine Empfehlung zu dieser Rezension geben: Lassen Sie sich die wahre Geschichte direkt von der CD erzählen!
Iris Mochar-Kircher im 'Bockkeller' Nr. 5, 2013

D’Heirigen: Kollegium Kalksburg im Theater Akzent
Bockkeller Nummero 12-3
Wie sich ein Abend mit den Kalksburg-Kollegen Wizlsperger, Skrepek & Ditsch entwickelt, lässt sich nie vorhersehen. Dass er sich entwickelt, dafür scheint das Trio Infernal Garant zu sein, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich Kollegium Kalksburg nicht einfach gehen lässt, sondern mit eisernem Willen nach Weiterbildung strebt. So geschehen auch bei D’Heirigen im Theater Akzent. Entwicklungsgrad und Spannungsbogen scheinen bei diesen hellen Köpfen u. a. abhängig davon, welches Publikum vor ihnen sitzt, mit welcher Grundstimmung und -haltung sie in den Abend eintreten, auf welcher (oft nicht selbst gewählten) Bühne sie stehen und wie den drei Herren der Wein mundet. Das ergibt zwar keine direkte Proportionalität für den Spannungsverlauf des Konzertes, aber eine indirekte jedenfalls. Und das Ganze fügt sich bei dieser Dreierkonstellation immer zu einer Exponentialkurve. Kommoder Blindflugbeginn, kabaretteskes Geplauder des Genius Wizlsperger, eine bedachte, im vorliegenden Fall auch für Fiaker und besäuselte Wienerliedfetischisten geeignete und mehr als kluge Repertoireauswahl und eine Schaukel, auf der es sich die drei Herren bequem zu machen wissen und immer höher auspendeln. Einen tollen Abend mit sich überschlagender Steigerung hat uns Kollegium Kalksburg da beschert!

Zur Formel

(AAA = Aktionismus, Anarchie, Alkoholismus) lässt sich folgende Exponentialfunktion hinzufügen: f(x) = KKx. Für die Basis steht KK = Kollegium Kalksburg.
www.wvlw.at

Wir tun ja nicht das Liedgut pflegen!
Das Wiener «Kollegium Kalksburg» will seine Weltberühmtheit über Wien hinaus ausdehnen.

In der Tramway sitzt der Wiener vorzugsweise gegen die Fahrtrichtung, damit er, auch wenn er sich vorwärts bewegt, zurückschauen kann. Voll der Zweifel an der Metaphysik sieht er sich zuweilen gezwungen, danach zu fragen, was fürs Pumperl überhaupt noch pumpenswert ist in diesem Jammertal, wo Wein, Weib und Gesang bloß limitiert zur Verfügung stehen, die Leber oft zur Sorgenfalte geschrumpft ist. So gehören Zweifel und Verzweiflung seit je zu den Grundfesten des Wienerliedes.

W.V.Wizlsperger, Dichter, Sänger, Kontrabassist und Tubaspieler des 1997 erstmals auf Tonträger aufgefallenen Kollegiums Kalksburg, sieht so auch ein, dass dessen jüngstes Gastspiel in Otto Brusattis Ö1-Klassik-Treffpunkt einige wütende Anrufe zeitigte: »Wir waren alle sehr verkatert und hätten uns gewünscht, dass der Brusatti ein wenig böser zu uns gewesen wäre, damit wir ein bisserl aufgewacht wären. Es war halt kein typischer Klassik-Treffpunkt, umso mehr hat es uns gefreut.« Kontragitarrist Paul Skrepek ergänzt: »So sehr, dass wir uns redlich bemühten, nicht zu sarkastisch zu sein und das musikalische Hosentürl nicht zu weit aufzumachen.«

Der Gefahr künstlerischer Anbiederung an über- bis verkommene Formen begegnet das Trio nicht nur live souverän. Die neue CD Imma des söwe changiert zwischen originellen Eigenkompositionen, entschlossen interpretierten Raritäten von Ernst Kölz und Joe Berger, ironisierten Klassiker-Zitaten wie »Es wird a Wein sein« und einer raffiniert ungeschickten englischen Version von »Waun da Heagod net wü«. Basis ihrer Kunst ist neben der an Helmut Qualtinger gemahnenden Persönlichkeit von W.V.Wizlsperger eine gewisse musikalische Laissez-Faire-Attitüde. Die drei Herren des Kollegiums, Wizlsperger, Skrepek und Heinz Ditsch, hatten zwar einige Erfahrung in den Genres Jazz und Schlager, allein es fehlte der Wille zur Karriere.

Ihre nun so innige Liaison mit dem Wienerlied begann beiläufig. Skrepek: »Kennen gelernt haben wir uns in der Gruppe «Franz Franz & Melody Boys». Irgendwann bekam ich einen Anruf vom ,Herz.Ton.Wien.-Festival'. Die haben mich sicher mit Peter Paul Skrepek verwechselt. Bevor sie ihren Irrtum bemerkten, sagte ich zu. Rasch war ein Programm zusammengestellt. Seither sind wir am Wienerlied hängen geblieben.«

Zu Beginn kritisch beäugt von der Konkurrenz, haben sich die drei Musiker, die ihre Zukunft scheinbar schon erfolgreich hinter sich gebracht hatten, an der Peripherie des so genannten Neuen Wienerliedes niedergelassen. Prof. Ernst Weber, Doyen des wissenschaftlich orientierten Zweiges des Wiener Volksliedwerks, ästimiert »die Frische und die Originalität« der drei Spätberufenen. Wizlsperger: »Nachdem die Kollegenschaft gesehen hat, dass wir ein wenig danebenstehen, begreifen sie uns mittlerweile nicht mehr als Feinde. Wir tun ja nicht das Liedgut pflegen.«

Tatsächlich sind es die mitunter auch musikalisch ein wenig abstrusen Eigenkompositionen wie das epische, viele ungeahnte Wendungen nehmende Ein schöner Tag, die das Kollegium Kalksburg auszeichnen. Die derb-philosophischen Texte entstehen immer vor der Musik, obwohl Wizlsperger gerne mal »Silben auf Noten picken würde«.

Inhaltlich widmet sich der mal brutal, dann wieder sehr weh agierende Sänger, der eine ungeklärte Vorliebe für den Vornamen Gerda hat, bekannten Topoi, formuliert jedoch sehr vital ins Monströse aus. Etwa in Zizalweis und »Heazzkaschbalboika«, wo der eigene Verfall auf wohlig gruselige Weise behandelt wird. Skrepek: »Im Zentrum steht der Schmäh vom Wizlsperger. Der Heinz und ich versuchen, den Hintergrund zu organisieren. Ab und zu reißen aber auch wir die Pappn auf. Manchmal passt's und manchmal net. Wenn's net passt, ist's aber oft noch besser.« - Trotz Gastspiel in München nächste Woche scheint der Weg zur Weltkarriere noch weit. Skrepek: »Das Business ist halt sehr zäh. Uns fehlt ein Manager vom Schlage eines Brian Epstein. Dabei wär´ es so einfach mit uns, weil wenn wir einmal spielen, ist der Nutzen so groß.«
Samir H. Köck Die Presse 14. Dezember 2004


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Wiener Lieder mit singender Säge und bissiger Larmoyanz
Kollegium Kalksburg, furiose Erneuerer des Wiener Liedes, begeisterten bei ihrer traditionellen Christtagssoirée.
Von der larmoyanten Melodieführung her ist das Wienerlied am ehesten mit Fado und Blues zu vergleichen. Anders als diese Genres entwickelte das hiesige Genre aber einen Sarkasmus, der seinesgleichen sucht. Das Kollegium Kalksburg ist jenes Ensemble, das die Grenzen am mutigsten ausgelotet hat. Das mit Euphonium, Kontragitarre, Ziehharmonka und singender Säge ausgerüstete Trio tröstet auch in pikanten Situationen. In „Zwischen d'Finga“ etwa werteten die Sänger Wizlsperger und Ditsch sogar das heute grassierende Phänomen der Abwertung des Individuums in eine Art Triumph um. Mit viel Effet in ihren kratzigen (Anm. KK: Verkühlung!) Stimmen jubilierten sie: „Und samma auch olle entbehrlich, sogns ehrlich, is des net herrlich?“ Auf Basis allumfassender Wurschtigkeit lässt es sich halt herrlich leben, philosophieren und musizieren.
Wo Futurist Marinetti einst die Spaghetti verbieten lassen wollte, votierte das originelle Klangkombinat im Porgy & Bess mutig gegen den Vegetarismus-Zeitgeist und für die seligmachende Arbeit des „Fleischhokka“. Mit beinah zärtlicher Brutalität stellte Wizlsperger heutiges Dilemma vor: „I hob sehr gern a Fleisch im Mogn, kaun net amoi a Fliagn daschlogn. I kaun zwoar ka Bluat net sehn, oba a Blunzn tua i sehr gern mögn.“ Mürbe ist in der Welt des Kollegiums nicht nur der Feiertagsbraten, sondern der Mensch selbst, wie es im lieblich schunkelnden, aber gar nicht harmlosen „Iwaroi wochsn d Hoa“ hieß, wo ansatzlos zwischen purem Nonsens und philosophischer Tiefe à la „Hamma olle den Scherm auf, wenn da Huat nimma brennt?“ changiert wurde.
Zum Festtag zelebrierte das berüchtigte Trio einige seiner originellsten Coverversionen. Drei Beatles-Songs begeisterten, darunter „Yesterday“, das als „Blasentee“ mit urwienerischer Larmoyanz lackiert war. Georg Danzers breit angelegte Empathie gefällt dem Kollegium offensichtlich ebenso gut wie dessen wohlig dahinschnurrenden Melodien. Besonders intensiv wienerisch interpretiert waren diesmal der garstig-charmante „Vorstadtcasanova“ und das großstädtische Einsamkeit so genial fassende „I ruaf die Zeitansage an“. Sehr intensiv glückte auch die Version von „Allan sein is ärger ois Rotzn fressn“, dem wahrscheinlich besten Lied Andre Hellers, sowie die eigenen, mit viel Emphase zelebrierten Evergreens wie „Ein schöner Tag“ und „Seiringa Sandlaschdoiz“, in denen trotz aller Trostlosigkeit niemals Gemütsverfinsterung stattfindet.
Samir H. Köck Die Presse 26. Dezember 2010

Kollegium Kalksburg: Besinnlichkeit der anderen Art
Beim Christtagskonzert im Wiener Porgy & Bess wurde einmal mehr Schönheit aus Leidenszusammenhängen extrahiert. Zu den Qualitäten des Kollegium Kalksburg zählen die liebenswerten Schwächen seiner Mitglieder. Besucher des schon traditionellen Christtagskonzerts im Porgy & Bess reichten gar Weinbrände über die Rampe, auf dass die Herren Wizlsperger, Ditsch und Skrepek aus dem Labyrinth der Stocknüchternheit herausfänden. Schnell wimmerte die singende Säge, rülpste die Tuba, stotterte die Kontragitarre windschiefe Melodien, bei denen nicht klar war, ob sie noch Hoffnung umschlossen oder doch nur Verzweiflung mit Sarkasmus lackierten. Bei den raffinierten Texten hingegen ist die Stoßrichtung klar. Da wird Schönheit aus Leidenszusammenhängen extrahiert, grimmiger Witz aus existenziellen Zumutungen gewonnen.

Das Pumperl noch nicht meier ...

Etwa im „Seiringa Sandlaschdoiz“, wo ein Bettler vertrauensbildend mit Kapitalmarktkenntnissen lockt: „Rennens net weg, sans net glei augriat, legens doch an Zwanziger bei mir au, daun schau ma wira laungsaum mehr wird, weil's Göd bekanntlich hackeln kau.“ Die Lieder des Kollegium Kalksburg sind wie kleine Theaterszenen, die Wizlsperger und Ditsch an diesem Abend in grandioser Volksschauspielermanier zum Leben erweckten. Da wurden mit großer Raffinesse unterschiedlichste Befindlichkeiten aufgefächert. Tiefe Melancholie im ergreifenden „Fia d'Ernie“, zwischengeschlechtliche Brutalität in „Ein schöner Tag“. In „Zizalweis“ war es die tiefe Sorge um sich selbst. Da macht der Protagonist eine Organinventur, bei der „das Pumperl noch nicht meier, die Leber hingegen schon zur Sorgenfalte geschrumpft“ ist.

Und weil nicht nur vom Saufen gesungen werden soll, raffte sich das geniale Trio wieder dazu auf, „Schas mit Quasteln – eine Wiener Spezität“ zu kochen und den Berufsstand des Fleischhauers in „Fleischhocka“ liebevoll zu überhöhen. Ein Hochgenuss auch das übers Lamentieren lamentierende „Weana in Rom“, wo „ausstalliert und karniefelt“ wurde, dass es eine Freude war. Als Gäste trugen Autor Peter Ahorner und Schauspieler Karl Kratzl höchst seltsame Adventgeschichten vor. Beseelt wurde eine Hommage an die Liedkunst Georg Danzers dargebracht. Standing Ovations!
Samir H. Köck Die Presse 27. Dezember 2010

Brutale Desillusionierung
Das traditionelle Wienerlied, üblicherweise per Schrammelgruppe im Heurigenlokal dem sich aus der Welt trinkenden Gast ins Ohr geraunzt, benutzt das Schrammeltrio Kollegium Kalksburg freilich nur als musikalische Ausgangsbasis zur Erkundung diverser Abstürze, Verzweiflungen und des Scheiterns an sich. Die Wiener Musiker Ditsch, Skrepek und Wizlsperger gehen weiter: Sie pferchen eigene, brutal morbide Texte zwischen betörend schön schwebende Klänge. Sie sind herausragende Desillusionierungskünstler!
wer Stuttgarter Zeitung 17. Februar 2009

Verhuschte Saufliturgie
Seither haben die drei ein kongeniales Sammelsurium zwischen eigenwillig interpretierten Raritäten, ironisierten Klassikern und einer Menge von Selbstverfasstem angehäuft - alles geschickt vertont und mit dem richtigen Quantum an Charme und Grobheit dargestellt. Vor allem fallen den Dreien genügend Varianten ein, um die Litanei aus Saufen, Siechtum und Tod nie monoton werden zu lassen. Da wird der Blues ebenso bemüht wie Flamenco, Wizlsperger bläst gern vehement die Plastiktüte und findet auch in seinen stoisch verhuschten Moderationen den richtigen Ton.

Oliver Hochkeppel Süddeutsche Zeitung 17. Juli 2008

Der diskrete Charme des Wiener Liedes
Auch an diesem Abend gelang es den drei Musikern, die Zuhörer mit ihren aberwitzigen Stil- und Tempiwechseln zu begeistern. Dabei wirkte es fast skurril, wenn Wizlsperger seine weinseligen Gstanzl darbot, während seine Kollegen am Akkordeon, der Singenden Säge oder der Kontergitarre zwischen Jazz- und Latinoakkorden hin- und herwechselten. Dass der Charme des Wiener Liedes dabei nicht verloren ging, war auch dem mimischen Talent Wizlspergers zu verdanken ... Damit gelang den Wienern ein Spagat zwischen kurzweiligem Entertainment und hochwertiger musikalischer Darbietung, der vom Freisinger Publikum gebührend gefeiert wurde.
Matthias Reichelt Süddeutsche Zeitung 21. Februar 2006

Anarchie in Zeiten der Cholera
Der schöne Ort Kalksburg mit seinen vielgepriesenen Regenerationsmöglichkeiten ist Namensgeber einer Gruppe, die sich jeder Kategorisierung mutwillig entzieht. Das Kollegium Kalksburg hat sich einer besonders heiklen musikalischen Gattung angenommen: dem »Wiener Lied«. Drei eingeborene Söhne interpretieren gebenedeites Liedgut im Geiste Heinz Conrads; - in diesem Sinne sind sie um die Wiener Gesangs- und Musicirtradition in all ihrer Weinseligkeit, Wehleidigkeit, Raunzerei und Todessehnsucht ehrlich bemüht. Heinz Ditsch, Paul Skrepek und Vincenz Wizlsperger porträtieren ein Lebensgefühl, das von grenzenlosem Fatalismus geprägt ist, ohne den Humor zu verlieren. Die Aufführungen des Kollegium Kalksburg sind witzig (s.o.), anarchistisch und gar nicht retrospektiv. Seriöses Tingeltangel eben, dem auch der Mut zum Peinlichen nicht fehlt ...
Reinhard Stöger
JazzLive


Tod und Tranklertum
Die Frage »Was wurde eigentlich aus dem Wienerlied?« habe ich mir zugegebenermaßen nie gestellt, die vorliegende CD ist aber auf jeden Fall die gültige Antwort: Bessa wiads nimma. Die Herren Ditsch, Wizlsperger und Skrepek jun. (früher:
Franz Franz & Melody Boys) entlocken dem Akkordeon, der Kontragitarre und ihren Stimmbändern nicht nur Traditionals, sondern auch Eigenkomponiertes, das sich vom Konventionellen in den meisten Fällen nur durch kleine Verfremdungseffekte unterscheidet. Auch die Texte wissen die Balance zwischen Mimesis und ironischer Distanz zu wahren, die ein Abgleiten ins Billig-Parodistische oder rein Affirmative verhindert, und knüpfen an die große thematische Tradition von Tod und Tranklertum an ...
Klaus Nüchtern
Falter


Le Tit bi
Als ein Tribut an die gnadenlos in die Vergangenheit abdriftende musikalische Gegenwart sind die Auszüge aus ihrem Werk
Aufstieg und Fall des Hauses Bittl zu verstehen. Da wird die Nummer »Jesterdee« zu einer Hommage an Leben und Tod im Sanatorium unter dem Titel Blosnde. Was die Pilzköpfe leichtfertig als »Le Tit Bi« hinnahmen, hinterfragen die Kalksburger mit Warum I . Das Wienerlied bekommt durch solche Beiträge auf alle Fälle schrägen, wohltuenden Aufwind.
tth
Salzburger Nachrichten


© Christoph Prisching 05

Weinselig – aber munter!
... und das Kollegium Kalksburg, drei verwegen windschiefe Gestalten, die mit singender Säge, zirpendem Kamm und zart quäkender Posaune, weinselig aber trotzdem hellwach die bösartige Gemütlichkeit der österreichischen Seele besangen.
Silvia Stammen
derStandard

Tragisch – aber rückschtslos!
... und so urteilte die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung über die Darbietung: »Die klassische Konzeption der Tragödie rücksichtslos ausser Acht lassend, interpretierte die wiener Tingeltangelformation Kollegium Kalksburg Texte und Noten der Englischen Popgruppe »Se Bittls« mit einem unsäglichen Instrumentarium, in einer Art und Weise, die jeder Beschreibung spotten würde, wären nicht die Produkte des österreichischen Weinbaus in ausreichender Qualität und Menge zur Verfügung gestanden!« Amen!
ddt derEnnstalerIn

Wienerlied, weinerlich auch ohne Wein
Akkordeonfestival: das Kollegium Kalksburg und die Transatlantikschrammeln in der Nationalbibliothek

... einen ganz anderen Zugang zur Tradition pflegt das Kollegium Kalksburg. Heinz Ditsch (Akkordeon, Singende Säge), Paul Skrepek Jr. (Kontragitarre) und Vincenz Wizlsperger (Gesang, Tuba, Kamm) geht es weniger um instrumentale Spitzfindigkeiten als um lustvolles Umrühren in musikalischen wie textlichen Klischees. Aus flaschengrünen Pathos-Splittern, präalkoholischer Aggression, postalkoholischer Weinerlichkeit und exzessivem Selbstmitleid erwuchsen dank der Darstellungskunst Wizlspergers monströse Wiener Gestalten, wie man sie seit den seligen Tagen eines Helmut Qualtinger nicht mehr vorgeführt bekam. Originelle Kompositionen Wizlspergers, eine Reverenz an Kurt Sowinetz und Karl Hodina, dessen Liad fia a Madl (Text: H.C.Artmann) mit brutalem Charme vorgetragen wurde, sorgten für Jubel.
Samir H. Köck
Die Presse Wien 27. Februar 2002

Odyssee im Schankraum
... eindeutiger ging da schon der eingangs zitierte Odysseus selbst zur Sache. Vinzenz Wizlsperger als Primus inter pares unter den honorigen Herren des Kollegium Kalksburg verlegte die Irrfahrt des antiken Helden in die Wiener Beisln. Ein fulminanter Parodie-Akt der aktionistischen Dialekt-Poesie, gebrochen von Homer-Rezitationen aus japanisch-österreichischem Munde (Yoshie Maruoka), das war Grabenfest at it's best.
Andreas Felber
dieStandard 23./24. Juni 2001

Fragen und Schlümpfe
Nun: Genaues weiß man nicht, beziehungsweise genaues weiß man nicht immer. Ob sich das zahlreiche Publikum im Porgy & Bess irgendwelche Antworten erhoffte, oder ob sie nur mal so schauen wollten, was das Trio an einem 24. Dezember, ein Jahr und ein paar Tage nach dem Ableben H.C.Artmanns, auf der Bühne anstellt, bleibt ebenfalls im Unklaren. Wurscht aber eigentlich. Die Kollegen aus Kalksburg versuchten es zunächst mal mit einem Best of-Programm, wobei sie gleich nach dem »einen Lied, in dem der Stephansdom vorkommt«, dran schritten, Abstand von einem Best of-Programm zu nehmen, »denn da täten wir uns schwer, müssten gleich wieder aufhören« (so oder so ähnlich halt). Das Trio jedenfalls führte uns in absurde, wenn auch kongeniale (oder umgekehrt) musikalische Gefilde, durchzogen von peinlichen Momenten, die bereits wieder so peinlich waren, dass Vinzenz Wizlsperger ein »ich bin stolz auf euch« verkündete, »das hat schon Spitzbuben-Niveau« anfügte, nur: Das Publikum war dankbar ob dieser Niederungen und das nicht zu Unrecht. Das Kollegium Kalksburg nämlich schaffte es tatsächlich, das Schlumpflied (ja, jenes von und mit Vadder Abraham) in die alkoholisierte Umlaufbahn zu bringen. Mal von jenem seltsamen Gerüst abgesehen, standen zwei triumphal vorgetragene H.C. Artmann-Gedichte im Vordergrund, wechselten Improvisationen, reduziert aufs nackte Geschenkpapier, mit - logo - schrammeligen Äußerungen. Nicht ohne auch das Heinz Conrads-Gospel »Waun der Herrgott ned wü, hüft des goa nix«, im brachialen Englisch zu würdigen und natürlich diverse Bittls-Stones-Coverversionen, transformiert ins derbe wienerische Dialektidiom. Musikalisch übrigens sind die drei Kalksburger Eins A, und, das ist irgendwie beunruhigend-beruhigend, so b'soffen können's gar nicht sein, dass sie diese Qualität abstreifen. Kollegium Kalksburg, das bedeutet letzten Endes Herausforderung, Umgewöhnung, und man muss schon tief eintauchen, damit man sich nicht nur darin wohl fühlt, sondern auch gewahr wird, dass dieses Trio - zumindest in Wien - die unumstrittene Nummer 1 ist.
Manfred Horak
Jazzzeit

Weinseligkeiten mit Giftstachel
Fulminanter Abend: Wienerlieder mit dem »Kollegium Kalksburg« im »Scharfrichter«

Viele Städte dieser Welt besingen sich selber, aber keine so wie die Donaumetropole: Das Wienerlied hat eine Sonderstellung schon darin, dass es den Gegenstand seiner Zuwendung meist als Paradies und Jammertal in einem preist. Wehleidigkeit, Raunzerei, Todessehnsucht, Heurigen-Romantik und Seligkeit, immer dicht am Absturz in weinbedingt morphide Versenkung oder Raserei. So schramme(l)n diese Befindlichkeits-Reliquien einer besonderen Spezies Österreicher stets am Rand von Kitsch und Kunst. Das »Kollegium Kalksburg«, drei hochmusikalische Originalgewächse mit tief gründendem, aber auch sehr stacheligem Humor, hat sich dieser tradierten Kleinkunstform angenommen und am Dienstagabend auf Einladung der Literaturzeitschrift »Pegasus« das voll besetzte Scharfrichter-Café zum Lachen gebracht. Zerknitterte dunkle Anzüge und alte Hüte signalisieren Morbides, die abgehackten Dialoge wirken improvisiert, die Gestik ist skurril bis wahnsinnig: Hier proben drei supergescheite Burschen den ganz normalen Wiener Wahnsinn mit sichtlich wahnsinnigem Vergnügen am sinnigen Quatsch ... Vincent Wizlsperger ... verfügt über alle Register subtiler Komik, die den entfesselten Narren als tragische Figur mit einschließt. Heinz Ditsch ist ein waschechter Virtuose am Akkordeon und an der singenden Säge ... Seine Spieldynamik geht zuweilen über den kalkulierten Exzess hinaus. Und in der Mitte sitzt, hämisch grinsend, auch singend, der mähnige Paul Skrepek, mit unglaublicher Gelassenheit, aber bombensicher seine Kontragitarre spielend. Es ist immer wieder frappierend, wie perfekt hier die Panne geplant ist. Der Kontakt zum Publikum reißt nicht ab, der Wein fließt in Strömen. Kein Zweifel, das ist kein so genannter Bühnenwein ... Angesichts der drei Österreicher möchte man den eh irreführenden Begriff Kleinkunst gern um die erste Silbe kürzen.
Hermann Schmidt
Passauer Neue Presse 22. März 2001

A Höd is a Schiggsoi
... ist ein Textbezogenes Konzeptalbum mit unterschiedlich musikalischen Ausführungen, entstanden aufgrund zweier Aufführungen im Auftrag vom GrabenFest der ÖBV 2001. Das Thema: Die Odyssee von Homer, die auch tatsächlich in Auszügen gesprochener Weise darauf zu hören ist, eingeflochten zwischen dem Kalksburgschen Musikjargon, also einer extraordinären Melange aus Schrammelligem, Jazzigem, Avantgardistischem, Humorigem, Wehmütigem, Traurigem, Blödelndem. Poesie. Zudem zutiefst österreichisch: Perfekt unperfekt, aus dem Herzen anarchisch und mit immensen Gefühlen beseelt.
A Höd is a Schiggsoi ist eine weitere, essentielle Momentaufnahme des Trios, das, wie es scheint, machen kann, was es will. Heraus kommt immer unberechenbar große Kunst. Sie, sozusagen, thronen, irgend jemand muss ja auf dem Thron sitzen, auf einem Level, von dem viele andere Bands nur träumen können. Möge die Unbeirrbarkeit der Kalksburgexistentialisten noch lange fortgesetzt werden.
Manfred Horak
Jazzzeit

Positiv Trinken!
Das larmoyante, stets zum Genuss strebende, gesellschaftlichen Stillstand nur zu gerne duldende Wiener Wesen fängt seit Helmut Qualtinger sel. niemand besser ein als das Kollegium Kalksburg. Die neuen Kleinodien pendeln thematisch zwischen allen vorstellbaren oralen Vergnügungen, äugen auch mutig in die metaphysische Schlucht. Unter Berufung auf Vico Torrianis »Klingende Kochrezepte« schritt man, voll im Trend von Zacherls einfacher Küche, zur Vertonung des Rezepts »Schas mit Quasteln«. Weiters philosophiert der scheniale Textdichter/Sänger W. Vincenz Wizlsperger über müde Schutzengel, Gesichtswäschen im Bidet und rätselhafte Vorgänge in Schankbetrieben. Im Bewusstsein der Power of Positive Drinking (Lou Reed) schrammeln Heinz Ditsch und Paul Skrepek elegant taumelnde Musik dazu. Begeisternd: Zizalweis, ein Hohelied aufs langsame Sterben, und zwei Hommagen an den unvergessenen Wiener B'suff Joe Berger. Empfehlung!
Samir H. Köck Die Presse 5. Juni 2004

Imma des Söwe
also:
stets dasselbe, nennt das famose Trio sein neues Album, und das ist nicht nur Koketterie, denn hier geht es in der Tat immer ums Saufn, Speisn, Schnacksln und Sterm (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge). Damit die Lebensart des semifreudigen Fatalismus Viennoise endlich auch international Beachtung findet, »singt« man einen Regionalklassiker (»waun da heagod ned wü«) auch in »englischer Sprache«: »If Jesus Is Busy« - fuckin´ unbelieveable .
Die Verarbeitungsarten von totem Tier werden einigermaßen flächendeckend erwähnt, die Weinflaschen singen »es wird ein wein sein, und ia weads nimma sein«, aber dennoch will man das »Banklreißn« eher »pomali« angehen. Schließlich bleiben auch die tiefsten Schubladen nicht ungeöffnet (
sogt da hiaschal zum mulia) - da sorgt der grenzgeniale Gstanzldichter W.V.Wizlsperger verlässlich dafür, der endlich mal mit dem Ernst-Jandl- oder dem Büchner-Preis ausgezeichnet gehörte. So welthaltig war Wien schon lange nicht mehr. Weltmusik? Wödmusi!
Klaus Nüchtern
Falter 21/04

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